Zurückverarschung ist angesagt.

Dieser Text erreichte uns vor einigen Tagen als Antwort auf den in der Hausmeise publizierten Text. Weitere Diskussionbeiträge nehmen wir gern auf.

Antwort an den „Frauenblock“

Spätestens seit Judith Butlers Buch „Gender Trouble“ (B. selbst beruft sich gleich eingangs auf Simone de Beauvoir) wird diskutiert, dass die Kategorie Geschlecht kein Schicksal beschreibt, sondern eine gesellschaftlich vorgegebene (milieubedingte) Zielvorstellung ist, die von den einzelnen Individuen unterschiedlich ernst genommen wird. Das kann von „Geht mir am Arsch vorbei…“ bis „Ich will nichts sehnlicher als… und male mir jeden Tag aus, dass…“ reichen. Manche sind hin und weg. Andere wollen da nie hin, auf keinen Fall. Freilich ist die Wahl keine freie. Marx abwandelnd ließe sich formulieren: Die Menschen basteln sich ihre Einstellung zum Geschlecht selbst, aber sie tun dies nicht aus freien Stücken. Die uralte Tradition des Patriarchats lastet wie ein Alp auf den Gemütern der heute Lebenden, gerade auch der Anderslebenden bzw. derer, die sich ein anderes Leben wünschen…

Was nun die Fragen des Redenkönnens und vor allem des Gehörtwerdens betrifft, stellt sich die Situation aus vorherrschender Sicht (vgl. all die schrecklich populären Bücher zum Thema, die ich hier nicht beim Namen kennen möchte) folgendermaßen dar:

1. „Männer“ … (Ich verzichte drauf, Frauen den Vortritt zu lassen; ich beschreibe eine patriarchalische Ideologie mit Abstand und nicht deren „höflichen“ Schein aus der Nähe), „Männer“ also … reden, damit das Reden aufhört. Kurz und scharf. Der Satz „Gut, das wir drüber gesprochen haben“ erscheint ihnen ausschließlich als Witz. Was soll an dem Gequatsche gut sein? Zeit, dass gehandelt wird (und zwar schweigend).

2. „Frauen“ hingegen reden, damit der Gesprächsfaden nicht abreißt. „Drüber reden“ erscheint ihnen (nicht zu Unrecht, obwohl … na ja) als ein unerlässlicher Teil der Lösung jeden Problems. „Männer“ fragen: „Stimmt’s oder hab ich recht?“ – „Frauen“ bleiben drüber in Kontakt.

3. Natürlich trifft das immer nur mehr oder weniger zu. Alltägliches Verhalten nimmt sich niemand vor, es passiert einfach. Bewusstsein steht nicht am Anfang des Handelns, es muss andauernd aus der Kritik des Handelns gewonnen werden. Also, nicht vergessen:

4. Es ist eine Zielvorgabe, kein Schicksal. Die Fragen lauten: Will ich da hin? Was blüht mir da? Warum nehme ich an dem Rattenrennen teil? (Weil ich gefallen will und mir nicht aussuchen kann, wem ich gefallen wollen muss; ich kann mir ja keine Menschen backen, ich muss ja die nehmen, die da sind … Das ist übrigens in jeder Politik so und macht sie zu einem dermaßen trüben Geschäft: die Leute, das Personal, die Genossen – die Ärsche.) Es geht immer um die Änderung der Spielregeln. Ohne Spielverderberei wird’s nicht abgehen. Wenn ich mich dem Wettbewerb um die von mir gar nicht gewollte Krone nicht entziehen kann – oder will, weil es mir nicht möglich ist, die Übermacht der herrschenden Meinung einfach zu ignorieren (einfach!), dann lässt er (der Wettbewerb) oder es (das Rattenrennen) sich vielleicht unterlaufen, parodieren, ironisieren, veralbern. Und zwar am besten da, wo es am wenigsten erwartet wird. Zurückverarschunmg ist angesagt. Bei Judith Butler heißt das: performative Politik.

Lieber Frauenblock! Was an deinem Text am meisten stört, ist der Tonfall: „männlichen Diskurs kopieren oder unsexy sein …“ Lamentieren ist nun aber überhaupt nicht sexy. Das weißt Du doch selbst. Es dringt durch die Wand des „männlichen“ Diskurses allenfalls als Zeichen der Schwäche durch.

Frage: Warum ist der „linke“ männliche Theoriediskurs so unsinnlich, so trocken, abweisend und kalt? Weil er unsinnig ist? Weil Theorie Mist ist? Oder weil er defensiv ist? – Vielleicht ist das euer eigentliches Problem: die Defensiven unter sich … spielen mit ihren Abgrenzungsmechanismen. Was tun, wenn man/frau links ist, das heißt: auch sonst nur noch die Stellung hält und nie einen Schritt nach vorne macht? Dauernde Defensive verdirbt vielleicht nicht gleich den Charakter, schadet aber dem Benehmen und Befinden.

Am stärksten, lieber Frauenblock, ist Dein Text, wo er immer wieder von den „Frauenfragen“ abkommt und andere Übel in den Blick nimmt. Auch andere am Reden und Verstandenwerden gehinderten Gruppen und Individuen. Denn dort ist Praxisnähe. Warum?

Hat das was mit der unsäglichen Unterscheidung zw. Haupt- und Nebenwiderspruch zu tun, die der Marxismus-Leninismus unseligen Angedenkens machte? Nein … und ja. Im Spektrum der Benachteiligungen heutzutage ist die sexistische Diskriminierung eine der Grundfarben, die hauptsächlich gemischt mit anderen Farben vorkommt. „Reine Lehre“ ist da immer die falsche Theorie.

Ausbeutung und sozialer Druck, Mobbing und so genannte Sachzwänge, Rassismus, Antisemitismus, Militarismus, Intellektuellenfeindlichkeit bei gleichzeitigem Bildungsabbau und Aufrichtung von „elitären“ Schranken, was den Zugang zu Wissen betrifft, Einsparungen bei „Kultur“ und Kunst, Demokratiefragen, Mitbestimmungsfragen, Selbstbestimmungsfragen und und und … – all das hat immer auch eine sexistische Seite. Sexismus ist eben kein „Frauenthema“. Weswegen es auch keiner besonderen „Räume“ dafür bedarf. – Diese „Freiräume“ sind sowieso immer nur Nischen, die sich irgendwann als Gummizellen entpuppen: zum an die Wand schreien oder springen. Gewiss, immer wieder diese Grundfarbe der Repression hervorzukehren, das nervt. Aber Nerven ist eine Waffe und kein Makel. Waffen gehören eingesetzt, nicht immer bloß irgendwo vergraben.

Mao, von dem der gönnerhafte Spruch stammt, den Frauen gehöre der halbe Himmel – als gäbe es nicht einen Himmel und eine Erde; der Satz klingt bestenfalls nach Mädchen- und Jungeninternat … geschenkt – also Mao kam in seinem Nachdenken über Widersprüche und über die hegelsche Dialektik auf den Begriff der Verschiebung: Hauptwidersprüche könnten in bestimmten Momenten als Nebenwidersprüche, diese im Gegenzug als Hauptwidersprüche erscheinen. Es käme also darauf an, stets die Gesamtheit der Widersprüche zu erfassen. Man mag sonst über Mao denken, was man will, aber wo er recht hatte, hat er recht.

Im Umgang mit patriarchalischer und anderer Herrschaftssprache (Phrasen, Zitate, Namedropping von Autoritäten) geht es immer um Enteignung, um Aneignung. Entwendung! Dazu müssen die Theoriediskurse, von denen man ja hoffen mag, dass sie aus irgendeiner praktischen Erfahrung hervorgegangen sind, in die Sprache der eigenen Erfahrung zurückübersetzt werden. Aus Totschlagsargumenten, bitte, Mittel zur eigenen Lebenshilfe basteln … Wenn sie dazu nicht taugen, gehören sie verworfen. Keine Scheu! Ob Freund, ob Feind, es werden ja nur Worte im Mund umgedreht, nicht Köpfe oder Hälse. Es geht ja nur um Gewalt gegen Sachen (und nicht mal materielle).

Soldat/InOderVeteran Chemnitz, Okt. 2011

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1 Response to Zurückverarschung ist angesagt.

  1. E. A. Voll says:

    Ich habe obigen Text jetzt mehrmals gelesen und bin mir über die Aussage, die darin getroffen werden soll, noch einigermaßen unklar. Ich meine aber, ein Problem zu erkennen: Unter dem kritischen Anspruch, „die Gesamtheit der Widersprüche zu erfassen“ wird hier jedem realpolitischen Ansatz eines feministischen Empowerment der Sinn abgesprochen. Damit fällt der Autor allerdings hinter seinen eigenen Anspruch zurück. Er schwankt offenbar im Behangen darüber, den nischenhaften linken Muff identitärer Abgenzungsgefechte hinter sich gelassen zu haben, an der Dialektik zwischen Teilhabe (Realpolitik) und Zerstörung (Kritik) vorbei. Anders lässt sich die vehemente Verneinung der „Frauenfrage“ nicht erklären.

    Zuerst wird da der Diskussion um die Teilhabe von Frauen an politischen Diskursen ohne große Probleme die Praxisnähe abgesprochen. Dann werden Schutzräume für Frauen als Gummizellen deklariert und für überflüssig erklärt. Sexismus sei eben kein Frauenthema und überhaupt seien feministische Ideen als „reine Lehre“ automatisch falsche Theorie. Schließlich seien von sexueller Diskriminierung ganz verschiedene Menschengruppen betroffen.

    Dazu muss doch Eines gesagt werden: Wenn man eben als Frau in dieser Gesellschaft deswegen diskriminiert wird, weil man eine Frau ist, sollte man das ruhig thematisieren und dafür eintreten, dass es sich ändert. Und wenn man darüber zunächst nur lamentiert, ist das besser, als sich still damit abzufinden. Weiterhin bedeutet das Sich-Einsetzen für die Gleichberechtigung von Frauen ja nicht automatisch, dass man der Diskriminierung gegen andere Menschengruppen keine Aufmerksamkeit mehr schenken oder diese für nichtig erklären müsste. Und es heißt vor allem nicht notwendigerweise, dass man die Gleichstellung von „Mann“ und „Frau“ mit der Utopie einer befreiten Gesellschaft verwechselt. Das wird hier aber leider unterstellt.

    PS: Lamentieren kann so sexy sein:
    http://www.youtube.com/watch?v=jzjUjNPYzLg

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