CSD? Da war doch mal was….

 

 
Früher war alles besser, die Leute netter, die Wiesen grüner und die Menschen politischer. Dieser polemischen Aussagen, die öfters zu hören sind, würde mensch sich heute gern bedienen, bei der Betrachtung des passend zur Sommer-Spass-Kultur stattfindenden Christopher-Street-Days in den westeuropäischen Großstädten. Der Christopher-Street-Day geht zurück auf die massiven gewalttätigen Einsätze der New Yorker Polizei im Jahr 1969 als diese auf alles einschlugen, was nicht weiß, offensichtlich heterosexuell und angepasst war. Die stattfindenden CSDs sind deshalb für die LGBTQ-Gemeinde[1] seit über 40 Jahren ein wichtiges gesellschaftliches und auch politisches Anliegen, um ihren Forderungen Gehör zu verschaffen. Doch welchen Forderungen? Und welche politische Ausrichtung?
 
Das Motto des diesjährigen Dresdner CSD lautete „… und wie liebst Du?“. Neben dem wenig politischen Anspruch dieses Mottos fällt auf, dass jede Frau, jeder Mann, jeder Mensch sich ständig positionieren muss, auch und gerade in der LGBTQ-Community: Bist du eine Frau und liebst Frauen oder Männer? Die Antwort gemäß der ursprünglichen Intention des queeren Theorieansatzes kann darauf nur lauten: „Nein!“. Ein Blick in die bundesdeutsche Hauptstadt zeigt am CSD-Wochenende Trucks fast aller parlamentarischen Parteien, Wagen von Intiativen und Verbänden, aber auch Kommerztrucks und Spaß dabei. Gemäß dem Motto „Normal ist anders“ läuft die Community und ihre SymphatisantInnen durch die Berliner Innenstadt und wirbt für Toleranz und Vielfalt. Doch welche Toleranz? Der Begriff ist ein zweischneidiges Schwert: gerade diese ist es doch nicht, die gewollt wird: rassitische Äußerungen von Gruppen, die den CSD eV. in Berlin unterstützen, werden weder geächtet noch kritisch diskutiert: So kann das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo offen, die in Deutschland lebenden Migranten – und nur diese – für homophobe Überfälle explizit verantwortlich machen.[2] Auf der anderen Seite ist es doch weit mehr, was LGBTQ fordern sollten: tolerant sein aber in erster Linie akzeptieren! Akzeptanz für die Pluralität der Welt und der unterschiedlichen Lebensweisen und auch Pluralität und Akzeptanz von nicht-Mehrheitsdeutschen LGBTQ! So begrüßen wir auch die Entscheidung von Judith Butler[3], den an sie verliehenen Preises für Zivilcourage des Berliner CSD e.V. nicht anzunehmen: „In diesem Sinne muss ich mich von dieser Komplizenschaft mit Rassismus einschließlich antimuslimischen Rassismus distanzieren. Wir haben alle bemerkt, dass Homo-, Bi-, Lesbisch-, Trans-, Queer-Leute benutzt werden können von jenen, die Kriege führen wollen, d. h. kulturelle Kriege gegen Migrantinnen durch forcierte Islamophobie und militärische Kriege gegen Irak und Afghanistan. Während dieser Zeit und durch diese Mittel werden wir rekrutiert für Nationalismus und Militarismus. Gegenwärtig behaupten viele europäische Regierungen, dass unsere schwule, lesbische, queer Freiheit beschützt werden muss und wir sind gehalten, zu glauben, dass der neue Hass gegen Immigrant_innen nötig ist, um uns zu schützen. Deswegen müssen wir nein sagen zu einem solchen Deal. Und wenn man nein sagen kann unter diesen Umständen, dann
 
nenne ich das Courage. Aber wer sagt nein? Und wer erlebt diesen Rassismus? Wer sind die Queers, die wirklich gegen eine solche Politik kämpfen? Wenn ich also einen Preis für Courage annehmen würde, dann muss ich den Preis direkt an jene weiterreichen, die wirklich Courage demonstrieren.“[4]
 
Die queer-of-colour-Kritik an Krieg, Rassismus, den Grenzen zur Absperrung gegen Migrant_innen (Stichwort Frontex), Polizeigewalt und Faschismus in allen möglichen Auftrittsarten, auch und gerade in der nicht-heterosexuellen Community, ist mehr als berechtigt und dringend notwendig! Andere Vereine und Organisationen wie etwa GLADT, LesMigraS oder ReachOut, die den Preis ebenso verdient hätten, verschwinden sämtlich aus dem Bewusstsein oder der Kenntnis der Menschen des zum Spaß-CSD verkommenen Events.Und gerade deshlab ist es wichtig, alle Menschen in den Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und gegen kapitalistische Ausbeutunsgverhältnisse einzubeziehen. Genauso soll es um die Ablehnung stereotypen Denkens gehen, welches Konstrukte schafft, die Menschen, qua ihres vermeintlich am Aussehen abzuleitenden Migrant_innenstatus, ihrer ausgedrückten Sexualität oder ihrer vermeintlich im Blut liegenden Herkunft unterdrücken. Eine Politik, die auf die
 
Herausstellung von ab- und ausgrenzenden Merkmalen abzielt und so linke Gruppen spaltet, kann und darf keine Politik sein, mit der wir uns gemein machen! Und nicht zuletzt waren die schwulen Männer, welche am CSD-Wochenende in Berlin überfallen wurde, Opfer einer Gruppe von Menschen, die der deutschen Mehrheitsgesellschaft zugerechnet werden.[5]

1 Lesbian, Gays, Bisexual, Trans and Queers: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und queere Menschen
2 Siehe: http://www.queer.de/detail.php?article_id=10906
3 Judith Butler ist eine Philosophin und Feministin aus Berkeley, USA. Sie wurde mit ihrem Buch „Gender Trouble“
(1989) und ihren Ausführungen zur Queer-Theory, in der akademischen Welt und darüber hinaus, bekannt.

4 http://www.egs.edu/faculty/judith-butler/articles/ich-muss-mich-distanzieren/
5 http://www.taz.de/1/berlin/artikel/1/ismus-muss-weg/
 

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